Es war ein stickheißer Julitag in Shanghai. Nichtsahnend entschieden wir uns – wie wir einander später erzählten – beide relativ spontan, zu einer Poolparty in einem Compound am anderen Ende der Stadt zu fahren.
Dass der sogenannte Mandarin Pool versteckt in einem verworrenen Gebäudekomplex lag und nicht so leicht zu finden war, sollte sich als unser Schicksal herausstellen.
Agnes stieg aus der U-Bahn, als sie ein junger Mann nach dem Weg fragte. Sie wusste ihn selbst nicht und antwortete kurzerhand, dass sie die Party ja auch suche – und man doch gemeinsam gehen könne. Sie überquerten eine Brücke. Auf der anderen Seite der breiten Straße angekommen, waren beide unsicher: links oder rechts?
Als Agnes in diesem Moment nach links blickte, sah sie Guido zum allerersten Mal. Er kam gemeinsam mit einem Freund die Straße entlang. Ein paar Sekunden früher oder später und sie hätten sich verpasst. Diese beiden Männer könnten wir fragen! – dachte sie. Gesagt, getan. Und tatsächlich: Guidos Arbeitskollege wusste den Weg.

Bis zum Pool waren es noch etwa zehn Minuten – ausreichend Zeit, damit Agnes und Guido sofort in ein angeregtes Gespräch kamen. Guidos Kollege und Agnes’ neuer Suchgefährte wurden in Windeseile zu Nebendarstellern. Guido war erst wenige Monate zuvor in China angekommen und wollte unbedingt nach Peking. Was für ein Zufall, dass Agnes zuvor zwei Jahre in Peking gelebt hatte. Und Agnes war zu dieser Zeit unsicher, ob sie überhaupt in China bleiben sollte – oder ob sie vielleicht ganz woanders hinziehen würde. Nach Buenos Aires zum Beispiel. Und was für ein Zufall, dass Guido aus Buenos Aires ist. Das reichte als Vorwand, um sich lose zu verabreden – um die Tipps bald zu vertiefen.
Am Pool angekommen, überreichte Guido Agnes seine Visitenkarte. Sie solle sich melden. Dann widmete sich jeder seiner Freundesgruppe, die bereits im kühlen Wasser wartete. Der Pool war groß genug, dass sich die Wege an diesem Tag nicht mehr kreuzten.
Drei Wochen vergingen (keine Ahnung, warum das so lange gedauert hat!). Dann schrieb Agnes eine E-Mail: Wann es Guido denn passen würde, sich über Peking und Buenos Aires auszutauschen. Am besten gleich am nächsten Tag. Ein Mittwoch.
Um den Treffpunkt auszumachen, rief Guido an. What a gentleman – in Zeiten, in denen WhatsApp gerade geboren war und alle nur noch schrieben.

Der Anruf war wichtig, denn es war kein normaler Tag: Es war der 8.8.2012 und ein Taifun (sowas wie ein Hurrikan) raste auf Shanghai zu. Es gab eine Art Ausgangssperre und die meisten Lokale hatten geschlossen.
Doch sie fanden eines: das „Kommune“, eine deutsche Bar im Künstlerviertel Tian Zi Fang. Treffpunkt: 21 Uhr.
Es dauerte lange, bis Agnes ein Taxi aufspüren konnte, das überhaupt bei Taifun fahren wollte. Außerdem war – mal wieder – das Guthaben auf ihrem chinesischen Handy leer. Die letzte Möglichkeit, sicherzugehen, dass Guido nicht wieder ging, war den Taxifahrer zu bitten, von seinem Telefon aus kurz anzurufen. Gesagt, getan. Was für einen ersten Eindruck das wohl auf Guido gemacht hat.
Der wurde nur noch getoppt, als Agnes in Gummistiefeln aus dem Taxi stieg – nur um festzustellen, dass Guido supercool in seinen Converse im Sturm stand.
Das legendäre „Taifun-Date“ begann. Es dauerte viele Stunden voller toller Gespräche und endete mit einem Kuss.
Kurz darauf waren Agnes und Guido unzertrennlich. Auch bis zur gemeinsamen Reise mit dem Nachtzug nach Peking dauerte es nicht lange – schließlich musste Agnes ihre Tipps ja persönlich vorstellen. Ein magisches Jahr begann: mit unendlich vielen Abendessen und Brunches in Shanghais Restaurants, gemütlichen Abenden mit Malbec, Risotto oder Lasagne und stundenlangen Gesprächen. Mit unzähligen engumschlungenen Fahrten auf Agnes’ Elektroroller durch das vibrierende Shanghai – und dazwischen vielen wundervollen gemeinsamen Reisen durch Asien.

Doch nach etwas über einem Jahr war klar: Guido würde Shanghai verlassen. Im Job war es nicht mehr erfüllend. Zu groß war der Traum, eine eigene Firma zu gründen.
Nach einigen Monaten wurde auch klar, dass eine Fernbeziehung zwischen Shanghai und Buenos Aires nicht möglich war. Zwölf Stunden Zeitunterschied und 35 Flugstunden Entfernung waren einfach zu viel.
Für beide begann ein hartes Jahr – ein Jahr, in dem jeder versuchte, sich selbst zu finden. Agnes zog schließlich ebenfalls aus Shanghai weg, zurück nach Stuttgart.
Einmal kam Agnes davor noch nach Buenos Aires. Zu groß war der Schmerz, diese große Liebe per WhatsApp über einen Ozean hinweg zu beenden. Wenigstens richtig verabschieden wollten sie sich. Es war kein leichter Abschied.
Und auch wenn Agnes danach verzweifelt versuchte, jeden Kontakt abzubrechen, hörten sich die beiden doch alle zwei Monate wieder. Ja – man kann Nummern auch wieder entblocken oder auswendig wissen, selbst wenn man sie hundertmal gelöscht hat. 😄
Nach einem Jahr wurden die Anrufe häufiger. Bald täglich. Und das ging Monate lang. Längst war ausgesprochen, dass sie wieder zusammen sein wollten. Dass es ohneeinander nicht funktionierte.
Schließlich buchte Guido einen Flug nach Deutschland – Weihnachten 2015. Die beiden hatten sich fast eineinhalb Jahre nicht gesehen. Doch die Magie war sofort wieder da. Alles war wie in Shanghai. Eigentlich sogar noch besser.
Am 6. August 2016 – also ziemlich genau zehn Jahre vor unserem großen Hochzeitsfest – zog Guido nach Stuttgart. Ein mutiger Schritt in eine andere Welt, in eine gemeinsame Zukunft. Viele fragten sich damals, was Guido in Deutschland machen würde, wie er arbeiten würde und wie das alles funktionieren sollte. Doch zwei glückliche Jahre vergingen wie im Flug – gefüllt mit einem Deutschkurs und einer Start-up-Erfahrung.

Im November 2018 kam die kleine Constanza in Stuttgart zur Welt. Nur wenige Wochen zuvor stieg Guido bei Eleven ein und erfüllte sich den Traum seiner eigenen Firma.
Im Januar 2020 haben Agnes und Guido standesamtlich geheiratet – mit Coco als Trauzeugin. Am Samstag, den 8.8.2020 sollte die große Hochzeitsfeier stattfinden. Dann kam Corona. Mittendrin folgte der Umzug nach Wien. Im August 2021 kam die kleine Letizia in Wien zur Welt.
Viel Zeit ist seither vergangen. Aber wir haben immer gesagt: Wenn der 8.8. das nächste Mal auf einen Samstag fällt, dann holen wir unser Hochzeitsfest mit unseren Familien und all unseren liebsten Freunden endlich nach. In China ist die 8 übrigens die absolute Glückszahl und steht für Erfolg. Der 8.8. gilt deshalb als besonders glücksbringendes Datum, weil sich das Glück quasi verdoppelt. Dass unser Taifun-Date ausgerechnet am 8.8.2012 stattfand, war vielleicht kein Zufall – sondern ein kleines chinesisches Glückszeichen für unsere Geschichte.

Am 8.8.2026 ist es jedenfalls soweit – genau 14 Jahre nach dem legendären „Taifun-Date“. Wir freuen uns riesig auf euch!!!